Schiedsmänner können oft langwierige Gerichtsprozesse verhindern

Sich vertragen ist besser als sich zu verklagen

Sie sind Friedensstifter im Dienst der Allgemeinheit und kümmern sich in ihrem heimatlichen Umfeld darum, Konflikte zwischen Bürgern möglichst ohne Gerichtsverfahren aus der Welt zu schaffen. Die Rede ist von Schiedsmännern. Einer, der dieses Amt schon seit fast einem Jahrzehnt ausführt, ist Wilfried Rheinfurth.
Der 71-jährige Rentner geht gerne mit Menschen um. Das ist zwar keine Voraussetzung für das Ehrenamt, erleichtert diese verantwortungsvolle Aufgabe aber ungemein. „Als neutrale Person versuche ich zu vermitteln, wenn sich zwei streiten. Das muss vor allem diplomatisch geschehen und am besten natürlich auch von Erfolg gekrönt sein“, erzählt Rheinfurth, dessen Erfolgsquote nach eigenen Angaben bei gut 70 Prozent liegt. Gerade Nachbarschaftsangelegenheiten wie eine zu hoch gewachsene Hecke, ein zu nah gepflanzter Baum oder ein Zaun bieten oftmals Zündstoff. Wenn es dann eskaliert, kommt Rheinfurth ins Spiel. „Sich vertragen ist eindeutig besser als klagen“, das ist der Spruch von Schiedsmännern, zu denen durchaus auch Frauen gehören können. In Dormagen allerdings gibt es nur drei Schiedsmänner: Rheinfurth, Wolf Oppermann und Wolfgang Horst. Alle drei bemühen sich, zwischen zerstrittenen Parteien Frieden zu stiften. Das ist auch sinnvoll, denn die Gerichte sind sehr überlastet. In bestimmten Fällen ist eine Klage sogar nur zulässig, wenn vorher versucht worden ist, in einem solchen Verfahren den Streit einvernehmlich beizulegen. Erst wenn das nicht gelingt, geht es zum Gericht. Das kann teuer werden, vor allem im Vergleich zu einem Schiedsverfahren. Für das Schlichtungsverfahren erhebt die Schiedsperson eine Gebühr in Höhe von zehn Euro; kommt ein Vergleich zustande, beträgt die Gebühr 25 Euro. Diese kann unter Berücksichtigung der Verhältnisse der Parteien und der Schwierigkeit des Falles bis auf 40 Euro erhöht werden. Ein Anwalt verlangt oft ein vielfaches mehr. „Manchmal ist so ein Schiedsverfahren wirklich besser. Denn meist geht es gar nicht um den Baum, die Hecke oder den Zaun, sondern vielmehr um Rivalität. Zwar werden nicht alle bei mir Freunde, aber es ist schon viel erreicht, wenn die Parteien sich am Ende die Hände geben, sich wieder grüßen oder gar einen Kaffee zusammen trinken“, so Rheinfurth, der diese Arbeit gerne macht. Im August nächsten Jahres läuft seine Amtszeit aus, die von Oppermann sogar schon im Februar 2018. Daher läuft bei der Stadt zurzeit ein Bewerbungsverfahren (SCHAUFENSTER berichtete). Schiedspersonen können aber nicht immer helfen. Heike Seidel und ihre Nachbarin beispielsweise sind mit ihren Nerven am Ende. Sie wohnen neben dem ehemaligen „Deutschen Haus“ an der Nettergasse. Jede Nacht werden sie von heftigen Kratz- und Laufgeräuschen in Angst versetzt, denn in dem leeren Nachbarhaus laufen nachtaktive Tiere herum. „Wir gehen von Ratten aus. Das ist ziemlich laut und hört sich verdammt nah an“, berichtet sie verzweifelt, denn helfen will oder kann dabei offenbar niemand. Weder der neue Nachbar noch die Stadt. Auch ein Schiedsmann kann da nichts machen und so sind sie weiter auf sich allein gestellt. Genau wie die Eltern von Susanne Müller-Wipperfürth, die an der Kölner Straße wohnen. Das ältere Ehepaar kann ebenfalls nachts kaum schlafen. „Meine Mutter ist bereits völlig fertig. Fast jeden Abend gibt es im Haus Ärger. Dort wohnt ein Pärchen, das offenbar trinkt. Die Folge sind sehr laute Streitigkeiten. Und manchmal ruft die Frau auch um Hilfe“, schildert sie die Ereignisse. Müller-Wipperfürth hat sich schon an das Ordnungsamt gewandt: „Aber die können oder wollen uns nicht helfen.“ Es gäbe auch zahlreiche Polizeieinsätze dort, aber die würden offenbar dauerhaft auch nicht helfen. Die Situation macht sie wütend: „Die Ämter wissen über die schlimme Situation genauestens Bescheid, und lassen es trotzdem zu, das immer wieder neue Vermieter auf diese Mieter reinfallen, bei denen der Ärger schon vorprogrammiert ist.“ Auch in diesem Fall kann ein Schiedsmann nicht helfen. -Andrea Lemke

SCHAUFENSTER-Artikel vom 2. Dezember 2017